Sie sind hier: Goethe in Leipzig
Zurück zu: Startseite
Allgemein:
Impressum
Datenschutz
Von 1765 bis 1768 studierte Goethe in Leipzig Jura; dieses Sammelsurium uralter Gerichtsentscheidungen auswendig lernen zu müssen, war das Gegenteil seiner bisherigen Ausbildung und konnte ihn nur abstoßen. Er hörte dort lieber die Poetikvorlesung von Christian Fürchtegott Gellert und nahm an dessen Stilübungen im sanften Stil der Zeit teil. Auch nahm er Zeichenunterricht bei Adam Friedrich Oeser, dem Direktor der Leipziger Akademie. Dort lernte er antike Plastik in Gipsabgüssen und zierlichen Gemmen kennen und wurde von Winckelmanns Ideen beeinflusst. Leipzig war im Vergleich zu Frankfurt eine lockere Messestadt, man nannte sich gern „Klein-Paris“; die altfränkische Art des Jungen wirkte lächerlich. Jedoch nicht lange: in wenigen Wochen entwickelte er sich zum Stutzer. Er verliebte sich in Käthchen Schönkopf und besang diese Liebe in heiter-verspielten Versen in der Tradition des Rokoko. 1770 erschien eine erste Sammlung von in Musik gesetzten Liedern - anonym - im Druck (Gedichtzyklus Annette).
Bei einem Kupferstecher im Hause des Verlegers Breitkopf lernte er Stechen, Holzschnitt und Radieren. Seine eher kritiklose Verehrung vieler zeitgenössischer Poeten wich nun einer bewussten Hinwendung zu Lessing und Wieland. Bereits in dieser Zeit schrieb er sehr viel, eine Oper, ein biblisches Drama über Belsazar; fast alles hat er später vernichtet. Erhalten blieb allerdings die Komödie „Die Mitschuldigen“.
Auerbachs Keller und die dort beheimatete Sage von Fausts Fassritt 1525 beeindruckten ihn so sehr, dass er später Auerbachs Keller als einzigen konkret existierenden Ort in sein Drama Faust I aufnahm. – Ein Blutsturz - oder war es der Druck, den der Vater ausübte, weil das Studium nicht vorankam - zwang ihn, abzubrechen und Ende August 1768 „gleichsam als ein Schiffbrüchiger“ nach Frankfurt zurückzukehren.
Es folgte eine eineinhalbjährige, von manchen Rückfällen unterbrochene Genesungszeit, deren Dauer zu einer tiefgehenden Verstimmung mit dem Vater führte. Während der Rekonvaleszenz wurde er fürsorglich von der Mutter und der geliebten Schwester gepflegt. Während er sich noch auf dem Krankenlager langweilte, schrieb er eine freche Kriminalkomödie. Eine Freundin der Mutter, Susanne von Klettenberg, brachte ihn mit pietistischen Vorstellungen der Herrnhuter in Berührung. So beschäftigte er sich einige Monate lang eingehend mit Mystik, Alchimie und Seelenerforschung.
Im April 1770 verlor der Vater die Geduld, Goethe verließ Frankfurt, um in Straßburg sein Studium zu beenden.
Wieder aber kümmerte er sich wenig um die trockenen Repetitorien. Im Elsass blühte er auf; kaum eine andere Landschaft hat er später ähnlich liebevoll beschrieben wie die warme, weite Rheingegend. In der Tischgesellschaft seiner Pension lernte er mit dem armen Johann Heinrich Jung-Stilling eine Lebensgeschichte aus dem Volk kennen. Weitere Bekanntschaften waren Lerse und Lenz. Entscheidende Anregungen aber gab Herder, der sich wegen einer Augenoperation in Straßburg aufhielt und den der junge Mann ansprach. Herder war die erste überlegene Persönlichkeit, die Goethe kennenlernte; seine Führung war unbarmherzig. Der putzte die zierlichen Gemmen und die geliebte römische Dichtung als flache Kopien herunter und öffnete ihm die Augen für den Theaterdonner eines Shakespeare. Er machte ihn mit den damals eben veröffentlichten Gesängen Ossians vertraut und erschloss ihm die Poesie der Völker. Nicht Stammbäume und Schlachten seien wichtig, sondern das Werden und Wesen der Völker, sichtbar in ihrer unverbildeten Dichtung: dem Alten Testament, Homer, Mythen und Sagen. Dieser ganzheitliche Ansatz kam Goethes Denkungsart nun sehr nahe und beeindruckte ihn zutiefst.
In Straßburg erlebte er zum ersten Mal altdeutsche Baukunst (von französischer Gotik hatte er nichts gehört oder gesehen). Der Eindruck der gewaltigen Massen, die sich - „einfach und groß“ - gen Himmel türmen, führt wenig später zu der begeisterten Schrift „Von deutscher Baukunst D. M. Erwini a Steinbach“.
Auf einem der vielen Ausflüge kam er in dem Dorf Sesenheim (frühere Schreibweise: Sessenheim) in ein gastfreudiges Pfarrhaus und verliebte sich in Friederike Brion. Nach einigen Wochen jedoch machte er leichtfertig Schluss (Lenz schrieb in diesem Zusammenhang von einem Menschen „welcher kam und ihr als Kind das Herze nahm“). Aus der Straßburger Zeit stammen Gedichte, darunter z. B. „Willkommen und Abschied“, „Sesenheimer Lieder“ und „Heideröslein“.
Die vom Vater ersehnte juristische Dissertation gestaltete er mit seinen eigenwilligen Ideen so, dass sie nicht einmal zur amtlichen Zensur angenommen wurde. Immerhin konnte er mittels einer Art Podiumsdiskussion - im Freundeskreis - eine Lizenz erhalten. Seine Ausbildung war damit abgeschlossen; man bot ihm eine Karriere im französischen Staatsdienst an. Die aber lehnte er ab. Er wollte sich nicht binden, sondern ein „Original-Genie“ sein. Quelle Wikipedia 2006