Wieder in Weimar
Der Heimgekehrte aber konnte sich nicht recht heimisch fühlen in dem engen Weimar; die Zustände wollten nicht zu seinen italienischen Erinnerungen passen („Aus Italien dem formreichen, war ich in das gestaltlose Deutschland zurückgewiesen, ... die Freunde, statt mich zu trösten, ... brachten mich zur Verzweiflung“ 1817). In dieser Zeit fand er den Menschen, den er brauchte: Christiane Vulpius, 23 Jahre alt, einfach und ungebildet, aber umso munterer. Er bestellte sie in sein Gartenhaus, bald war sie seine Geliebte – vielleicht weil sie der römischen Geliebten ähnlich war. In dieser Zeit schrieb er die „Römischen Elegien“, seine leichtesten und fröhlichsten Verse. Das Verhältnis führte schon im Juli 1788 zu einer "Gewissensehe" (bald kam die halbe Familie in seinen Haushalt). Im Dezember 1789 wurde ihnen der Sohn August geboren, das einzige überlebende Kind. Der Bruch mit Frau von Stein, der folgte, war endgültig; die kleinstädtische weimarer Gesellschaft - schockiert durch die Sinnlichkeit der Römischen Elegien - missbilligte dies Alles (Verständnis fand er allerdings bei dem sonst so strengen Herder). Goethe, der auch unter gesundheitlichen Problemen litt, zog sich mehr und mehr zurück. Nicht nur körperlich wurde er steif, auch seelisch.
Die Anzeichen für eine Umwälzung hatten sich gemehrt; nicht nur in Nordamerika, auch in einer beschaulichen Stadt in der Schweiz (Sicherheitsausschuss 1782 in Genf) und anderswo hatten Bürger gegen die Obrigkeit rebelliert. Revolutionen aber hasste Goethe - in der Weltgeschichte ebenso wie in der Geologie. Als hätte er geahnt, dass Revolutionen ins Haus standen, nutzte er die Gelegenheit, sich wie in einer Bastille zu verbarrikadieren. Es kam hinzu, dass das Publikum sich nicht damit abfinden wollte, dass aus dem Dichter des Götz und des Werther der der Iphigenie und des Tasso geworden war. Daran konnten auch die Lustspiele „Der Groß-Cophta“, „Der Bürgergeneral“ und der neu bearbeitete „Reineke Fuchs“, eine bittere Satire, an deren Ende der gewissenlose Intrigant triumphiert, nichts ändern. Goethe "fand sich zwischen Wilhelm Heinses Ardinghello und Schillers Räuber eingeklemmt". Eine erste von ihm autorisierte Gesamtausgabe („Goethes Schriften“ bei Göschen) blieb liegen, die Reste wurden verschleudert. Eine zweite Reise nach Italien im Jahr 1790 - dieses Mal jedoch nur bis Venedig - endete mit einer Enttäuschung. Das dichterische Resultat waren die „Venezianischen Epigramme“, das naturkundliche seine Überzeugung, dass sich der Schädel aus den Wirbeln entwickelt habe. Seine Forschungen mündeten in der „Metamorphose der Pflanzen“; in diesem Aufsatz legte er 1790 seine Vorstellungen von organischer Entwicklung dar, die für die Theoretiker der Romantik so bedeutsam werden sollten. Zunächst jedoch hatte das Publikum keinerlei Verständnis dafür. Goethe igelte sich ein, der Versuch einer „Vergleichende Knochenlehre“ sollte erst 30 Jahre später folgen.
1791 übernahm er die Leitung des Hoftheaters, Christiane wurde seine Personalberaterin; sie konnte mit ihrer gefälligen Art vermitteln und die Schauspieler betreuen. Ihre Gesellschaftsdame übernahm zeitweise die Rolle einer Nebengeliebten - Goethe führte eine menage à trois wie er sie am Schluss der „Stella“ geschildert hat. 1792 nahm er als Begleiter seines militärbegeisterten Herzogs teil an der Kampagne in Frankreich und erlebte den totalen Misserfolg der konservativen Koalition und der Emigranten. 1793 war er dabei, als in Mainz die erste Republik auf deutschem Boden belagert wurde, und schrieb scheinbar unberührt an seiner „Farbenlehre“. Ein Tag in Valmy und einer im zerstörten Mainz waren ihm Symbole für die Wirren der Weltgeschichte. Im Oktober 1793 zog er nach Jena in eine kleine Junggesellenwohnung, denn bei der Universität sollte ein Botanischer Garten eingerichtet werden. Während er sich um die Universität in Jena kümmerte, ließ er seine Partnerin und das Söhnchen monatelang allein (die alljährlichen Badereisen nach Karlsbad kamen noch hinzu). Quelle Wikipedia 2006

